Die Berliner Mauer, 1961 errichtet und bis 1989/90 Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, hat Graffiti-Künstler immer wieder herausgefordert, diesem Bauwerk sprichwörtlich einen eigenen Anstrich zu geben. Während die sogenannte Mauerkunst in den ersten Jahrzehnten nicht viel mehr war als Kritzelei, das Verewigen politischer Parolen oder mehr oder weniger sinnhafter Sprüche, begann in den 80er Jahren die eigentliche Zeit der Graffiti-Kunst an der Berliner Mauer. Vor allem mit dem Aufstellen der Mauerelemente der vierten Generation, nahm die Mauerkunst zu. Die Mauerelemente der vierten Generation war wegen der glatten Oberflächen gut zum Besprayen geeignet. Das Erscheinungsbild vom Westen her veränderte sich damit in den 80er Jahren deutlich. Graffiti an der Berliner Mauer war natürlich lediglich ein West-Berliner Phänomen – vom Osten her war die Mauer durch den Todesstreifen weiträumig abgesperrt.
Graffiti als politische Botschaft
Trotz der politischen Bedeutung der Mauer und der Tatsache, dass hier 136 Menschen bei Fluchtversuchen zu Tode gekommen sind, gaben die Graffiti an der Berliner Mauer dieser ein Erscheinungsbild, das touristisch genutzt werden konnte. Postkarten und andere Souvenirs zeigten die Graffiti unterschiedlichster anonymer Künstler. Die Graffiti an der Berliner Mauer waren typische Straßengraffiti, ab Mitte der 80er Jahre sprayten jedoch auch teils namhafte Künstler farbenfrohe Bilder an die graue Mauer. Manche dieser Künstler sind gerade erst durch ihre Mauerkunst bekannt geworden. Die Motive dieser Künstler trugen teils deutliche politische Züge. Dem Grau der Mauer, dem Symbol des Kalten Kriegs, setzten sie bunte Bilderwelten entgegen; oft auch direkte Anspielungen etwa in Form von Löchern in der Mauer oder transparenten Mauerstücken. Teils war der Antrieb der Graffiti-Künstler jedoch auch nur, der Tristesse des so genannten “antifaschistischen Schutzwalls” mehr Farbe entgegenzusetzen.
Graffiti als lebendige Kunst
Das Besondere der Graffiti an der Berliner Mauer war, dass diese Form der Street Art niemals statisch war. Sie war verboten, wurde übermalt, neue Motive entstanden. Damit war die Graffiti-Kunst immer in Bewegung. Am bekanntesten wurde die bis heute erhaltene East Side Gallery. Die East Side Gallery ist ein Stück mehr oder weniger original erhaltener Mauer, die in der Wendezeit 1989/90 von zahlreichen internationalen Künstlern bemalt worden ist. Mit den ursprünglichen Graffiti hatte das teils nicht mehr so viel zu tun. Vor allem fand diese Bemalung in voller Legalität statt. 2010 wurde die East Side Gallery sogar aufwendig saniert, die 1990 gemalten oder gesprayten Motive denkmalschützerisch wiederhergestellt, was eine große Debatte – auch bei den Graffiti-Künstlern – auslöste, inwieweit dadurch nicht der Charakter von Straßenkunst ad absurdum geführt wird.

